Vorgeschichte
Walter Gropius und die Idee des seriellen Wohnens

Dessau — Lage der Siedlung Törten, Originalplan von Walter Gropius

Luftbild der Siedlung Törten im Bau, ca. 1927
Im Frühjahr 1926 bot das Anhaltische Staatsministerium der Stadt Dessau Mittel aus der Hauszinssteuer an — rund 360.000 Reichsmark für ein experimentelles Siedlungsbauprojekt. Walter Gropius sollte seine Theorie des industrialisierten Wohnungsbaus endlich in die Praxis umsetzen.
Am 25. Juni 1926 beschloss der Dessauer Gemeinderat mit 26 zu 9 Stimmen, Gropius mit dem Entwurf und Bau von 60 Hauseinheiten in der Gemarkung Törten zu beauftragen. Der Bauablauf folgte dem Fließbandprinzip: Kräne auf Schienen, Lorenbahnen, Betonmischer — 1928 entstanden 130 Häuser in 88 Arbeitstagen.
„Das neue Ziel wäre die fabrikmäßige Herstellung von Wohnhäusern im Großbetrieb auf Vorrat, die nicht mehr an der Baustelle, sondern in Spezialfabriken in montagefähigen Einzelteilen erzeugt werden."
Walter Gropius, 1924Siedlung Dessau-Törten
Das Experiment in drei Abschnitten
Gesamtlageplan der Siedlung Dessau-Törten, ca. 1928
In drei Bauabschnitten wuchs die Siedlung: 60 Einheiten 1926 (SiTö I), 100 Einheiten 1927 (SiTö II), 156 Häuser 1928 (SiTö IV). Die Parzellen von 350–400 m² sollten Kleintierhaltung und Gemüsegarten ermöglichen.
Erster Bauabschnitt · 1926
Typ SiTö I

Kleinring, kurz nach der Erbauung 1927

Modell Bautyp SiTö II
Mit SiTö I begann 1926 die Geschichte der Siedlung. Als einzigem Typ gab Gropius diesem ein dezentes gestalterisches Gepräge: Die Brandwände treten aus der Fassadenebene hervor und erzeugen Rhythmus. Im Grundriss zeigen sich Anleihen an die Gartenstadt: große Wohnküche, Kleintierstall mit Trockentoilette, Dachterrasse. Wohnfläche 75 m².
Zweiter Bauabschnitt · 1927 — Das Haus Eichhorn
Typ SiTö II

Erdgeschoss · SiTö II, 1928, M 1:50

Obergeschoss · SiTö II, 1928, M 1:50
Der Haustyp SiTö II entstand 1927 als direkte Reaktion auf Kritik am Vorgänger. Mit 7,79 m Breite und einem vollwertigen Badezimmer im Obergeschoss war er ein deutlicher Fortschritt. Die Grundgestalt ist ein Quadrat, dessen Hälften um ein Viertel versetzt sind — das erzeugt die plastisch gegliederte Fassade am Kleinring. Wohnfläche: 70,56 m².
Das Haus Eichhorn ist eines der wenigen Exemplare des Typs SiTö II, das noch nahezu vollständig im Originalzustand von 1927 erhalten ist.
Dritter Bauabschnitt · 1928
Typ SiTö IV
Steigende Baupreise zwangen Gropius zur radikalen Vereinfachung. Zielpreis: unter 10.000 RM. Das Ergebnis ist ein Split-Level-Baukörper auf nur 57 m². Ein Schlafzimmer geht verloren, Wohnzimmer und Küche wandern an die Rückseite. Mit 8,85 m Parzellenbreite sind die Grundstücke die breitesten der Siedlung.
Bautechnik
Konstruktion & Tragwerk
Alle Haustypen folgen der Schottenbauweise: Tragende Brandwände leiten die Kräfte ab, nicht tragende Fassaden ermöglichen die charakteristischen Stahlrahmen-Fensterbänder. Tragende Wände aus Schlackenbetonhohlblocksteinen (22,5 × 25,5 × 50,5 cm), Decken als Rapidbetondecken aus dicht gelegten, vor Ort gegossenen Stahlbetonbalken.
Die Stahlrahmenfenster erlauben durch schlanke Profile maximalen Lichteinfall und lassen sich von innen beidseitig reinigen. Heizung per Kohleofen in der Küche mit Warmwasserkreislauf zu drei Radiatoren. Steckdosen waren ursprünglich nicht vorgesehen.
Familiengeschichte
Familie Eichhorn — fast 100 Jahre in einer Hand
Haus Eichhorn — Kleinring, Dessau-Törten
Was das Haus Eichhorn über alle anderen Häuser der Siedlung stellt, ist die Kontinuität seines Besitzes. Seit dem Ersterwerb kurz nach 1927 blieb das Haus nahezu ohne Unterbrechung im Familienbesitz der Eichhorns.
Während in der Nachbarschaft Häuser angebaut, verkleidet und modernisiert wurden, blieb hier ein außergewöhnlich großer Teil der originalen Substanz erhalten — kein Dachgeschossausbau, keine Ersatzfenster, keine neue Fassade. Das Haus ist gelebt. Authentisch durch Kontinuität.
1933 – 1989
Nachkriegszeit & DDR-Jahrzehnte
In der Siedlung selbst veränderten viele Bewohner ihre Häuser erheblich: Stahlrahmenfenster durch kleinere Holzfenster ersetzt, Fassaden mit Ziegel verkleidet, Vordächer angebaut. 1977 kam die Siedlung auf die Denkmalliste des Landes Sachsen-Anhalt.
Das Haus Eichhorn blieb von den großen Überformungen weitgehend verschont — ein glücklicher Umstand, der heute seinen außergewöhnlichen Wert ausmacht.
Gegenwart
2026 — Beginn der Sanierung
Seit 1994 schützt die Erhaltungs- und Gestaltungssatzung der Stadt Dessau die historische Substanz der Siedlung. 2011 sanierte das Büro Bankertsommer Architekten das Haus Anton (SiTö I) denkmalgerecht — dasselbe Büro begleitet nun die Sanierung des Hauses Eichhorn, fachlich begleitet von der Stiftung Bauhaus Dessau.